Dienstag, 14. Juli 2020

*Rezension* The Hate U Give von Angie Thomas

Ich habe am Wochenende dieses Buch beendet und es hat ich so geflasht und so bewegt, dass ich euch einfach ein bisschen was darüber erzählen und meine Begeisterung mit euch teilen muss.

Allgemein


The Hate U GiveTitel: The Hate U Give
Autor: Angie Thomas
übersetzt von: Henriette Zeltner
Verlag: cbt
erschienen: 24.Juli 2017
Genre: Jugendbuch
Seiten: 509
ISBN: 978-3-570-31299-5
Preis: 9,99 € (Taschenbuch), 18,00 € (Hardcover)




Inhalt


Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen...

Meine Meinung


Dieses Buch hat mich einfach umgehauen. Es ist eines der wenigen Bücher, das mich so bewegt und zum nachdenken gebracht hat - und mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird.

Die Figuren waren insgesamt alle äußerst schlüssig und authentisch aufgebaut, weder überspitzt noch zu flach, einfach, wie normale Menschen sind, mit all ihren Höhen und Tiefen, Stärken und Schwächen. Ich lege ja immer großen Wert auf gut ausgearbeitete Figuren, aber mir sind lange keine so guten und starken Charaktere wie in diesem Buch begegnet. Jede einzelne Figur hatte eine gut ausgearbeitete Hintergrundgeschichte, sie teilweise auch recht tragisch war, sodass die Figuren Tiefe bekamen.
Passenderweise schildert unsere Protagonistin Starr ihre Erlebnisse als Ich-Erzähler. Sie ist zwar ein Mädchen wie jedes andere, aber dadurch, dass sie eben in zwei völlig unterschiedlichen Welten lebt - ihre Schule und ihr Viertel -, bekommt ihr Charaktere sehr starke und auch sehr unterschiedliche Facetten, die insgesamt ein faszinierendes Gesamtbild abgeben. Sie handelt so, wie jeder andere von auch handeln würde, und fühlt so, wie es jeder andere auch tun würde - Angst und Wut.
Vor allem das Miteinander von Starrs Familie war äußerst liebevoll und wundervoll zu lesen. Ihr kleiner Bruder Sekani war sehr süß, konnte aber auch ziemlich frech und anstrengend sein. Ihr großer Bruder Seven hingegen war so, wie ich mir einen großen Bruder wünschen würde: Wirklich lieb, aber er konnte auch recht beschützend agieren. Ihre Eltern waren sehr süß zusammen und haben Starr die ganze Zeit den Rücken gestärkt - allerdings nicht auf eine Art, die irgendwie kitschig wirkte. Ihr Vater war sehr lieb zu all seinen Kindern, konnte aber mit seinen Gegnern recht rapiad umspringen oder sehr überzeugend sein. Ich fand vor allem seine Hintergrundgeschichte recht interessant. (Übrigens habe ich irgendwo gelesen, dass es diese nochmal als extra Buch geben soll, nur für alle, die diese genauso interessiert wie mich). Besonders bewundert habe ich Starrs Onkel, denn als schwarzer Cop nahm er eine Sonderrolle im Roman ein, da er beide Seiten - die Cops und die schwarze Bevölkerung - sehr gut nachvollziehen konnte.
Aus Starrs Freundeskreis stachen vor allem drei Figuren hervor. Zuerst war da Hailey, Starrs beste Freundin seit der fünften Klasse. Sie war wirklich so ein Charakter, der durch seine Worte und Taten immer unsympathischer wurde. Allerdings war sie auch ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich Rassismus unbemerkt einschleicht - und wie viele Weiße immer noch denken.
Quasi als Gegenpart zu ihr gab es Chris, Starrs Freund. Wirkte er am Anfang noch wie ein überheblicher reicher Weißer, wurde er doch im Lauf des Romans durch das, was er sagte und wie er auf die Dinge reagierte, die passierten, zu einer meiner Lieblingsfiguren. Ich fand vor allem auch, was er am Ende tat, sehr mutig. Er war die beste Rückendeckung, die Starr sich nur wünschen konnte - abgesehen von ihrer Familie.
Die letzte interessante Figur, die ich euch vorstellen möchte, war DeVante, ein Drogendealer und Gangmitglied. Seine Geschichte und Entwicklung fand ich wirklich faszinierend. Er war ein gutes Beispiel dafür, wie es in solchen Ghettos zugeht und welches Probleme es gibt, seine Familie zu schützen oder auszusteigen.

Den Schreibstil von Angie Thomas empfand ich als sehr gut und vor allem sehr authentisch. Ich fand es sehr faszinierend, wie sich Starrs Sprache in ihren verschiedenen Welten unterschied. So wurde, wenn sie sich unter Schwarzen bewegte, teilweise Slang eingebaut, der netterweise im Glossar erklärt wurde. Ich hätte mir sonst nichts unter z.B. Wilding oder Heffa vorstellen können. Gerade der äußerst passende Schreibstil war es auch, der Sympathie aufbaute und mich von Seite 1 an fesselte. Aber auch die Worte, die Starr im z.B. Interview benutzte, hatten etwas sehr starkes und passendes an sich, was ihr Statement nur noch beeindruckender machte. Alles dank des großartigen Schreibstils.

Besonders im Bezug auf das Thema war das Buch echt stark. Ich wusste, dass systemischer Rassismus und Polizeigewalt in den USA ein großes Problem ist, aber ich hätte nie gedacht, dass die Unterschiede so groß sind. Hier als Beispiel eine Szene aus dem Film zum Buch: Starrs Onkel erklärt ihr, wie sich der Cop gefühlt hat und was ihn zum Schuss trieb. Als sie ihn allerdings fragte, ob er bei einem Weißen geschossen hätte oder ihn aufgefordert hätte, die Hände hoch zu nehmen, war seine Antwort klar: Er hätte gesagt "Nehmen Sie die Hände hoch."
Allgemein die gesamte politische Situation oder besser die allgemeine Position der dunkelhäutigen Bevölkerung wurde in diesem Buch äußerst detailreich und (meines unerfahrenen Erachtens nach) authentisch dargestellt, von der schlechten Position derer, die im Ghetto leben, bis hin zu der Befragung durch die Polizei. Ich selbst versuche, so wenig rassistisch wie möglich zu handeln, deshalb haben mir viele Szenen einen Stich versetzt. Ein exzellentes Buch, wenn man sich mit solchen Thematiken beschäftigen möchte.

Da ich den Film eben erwähnt habe: Ich fand die filmische Umsetzung ziemlich gut, auch wenn mir das Erzähltempo ein wenig zu hoch war und leider DeVante nicht vorkommt (zumindest noch nicht, ich hab den Film noch nicht ganz zu Ende geschaut.) Allerdings verleiht er dem ganzen noch einmal eine ganz eigene Intensität. Also von meiner Seite auch sehr zu empfehlen.

Auch hier wieder einige Zitate. Diesmal allerdings ein paar Zitate mehr, denn ich finde, mit Starrs Worten kann man vieles noch besser ausdrücken.

"Wer nichts gesehen hat, kann auch keinen verpfeifen." (Seite 23)

"The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody. Das bedeutet, was die Gesellschaft uns als Kinder antut, das kriegt sie später zurück, wenn wir raus ins Leben ziehen." (Seite 26)

"Das zweite Gespräch handelte davon, was zu tun ist, wenn man von einem Cop angehalten wird. Momma regte sich auf und meinte zu Daddy, ich sei noch zu jung dafür. Er konterte, dass ich auch nicht zu jung sei, um verhaftet oder erschossen zu werden." (Seite 29)

"Immer habe ich gesagt, wenn ich dabei wäre, wenn so was passiert, dann hätte ich die lauteste Stimme und würde dafür sorgen, dass die Welt erfährt, was passiert ist. Jetzt bin ich genau diese Person und habe zu viel Angst, den Mund aufzumachen." (Seite 44)

" 'Hier geht es nicht um Schwarz oder Weiß.' sagt er jetzt. 'Bullshit, sagt Daddy. Wenn das draußen in Riverton Hills passiert und sein Name Richie gewesen wäre, dann hätten wir diese Diskussion jetzt nicht.' " (Seite 63/64)

"Wenn ich Tyrone umlege, wandere ich in den Knast. Wenn ein Cop mich umlegt, wird er beurlaubt. Wenn überhaupt." (Seite 65)

"Leute wie wir werden in solchen Situationen zu Hashtags, aber Gerechtigkeit kriegen sie kaum einmal." (Seite 71/72)

"Man kann auch eine rassistische Bemerkung machen, ohne Rassistin zu sein!" (Seite 133)

"Wir sind diejenigen, die den Kürzeren ziehen, aber wir sind auch diejenigen, die sie am meisten fürchten." (Seite 195)

"Ich benutze keine Toten, um Unterricht zu schwänzen." (Seite 215)

"Wir lassen zu, dass Leute solche Dinge sagen, und dann sagen sie die so oft, dass es für sie total okay und für uns normal ist." (Seite 288)

"Da ist dieses Wort wieder. Mut. Mutigen Menschen zittern bestimmt nicht die Knie. Mutige Menschen haben nicht das Gefühl, gleich kotzen zu müssen. Und mutige Menschen müssen sich bestimmt nicht ermahnen, zu atmen, wenn sie zu sehr an jenen Abend denken. Wäre Mut ein medizinischer Zustand, läge bei mir eine klare Fehldiagnose vor." (Seite 322)

"Ich verstehe nicht, wie jeder so tun kann, als sei es okay, dass er erschossen wurde, wenn er ein Drogendealer und ein Gangbanger war." (Seite 327)

"Ich wusste gar nicht, dass man einen Toten wegen seiner eigenen Ermordung anklagen kann." (Seite 327)

"Mutig sein bedeutet nicht, dass du keine Angst hast, Starr. Es bedeutet, dass du was tust, obwohl du Angst hast." (Seite 375/376)

"Diese kulturellen Unterschiede sind manchmal schon verrückt." (Seite 414)

"Wir müssen nicht dort wohnen, um etwas zu verändern, Baby. Es darf uns nur nicht egal sein." (Seite 489)

"Ich kann ja nicht ändern, wo ich herkomme oder was ich erlebt habe, also warum sollte ich mich dafür schämen, was mich zu dem macht, was ich bin? Das wäre ja so, als würde ich mich für mich selbst genieren." (Seite 495)

"Das Schlimmste daran? Es gibt noch so viel mehr Opfer. Trotzdem denke ich, dass sich eines Tages etwas ändern wird. Wie? Keine Ahnung. Wann? Das weiß ich definitiv nicht. Warum? Weil es immer Menschen geben wird, die kämpfen. Vielleicht bin jetzt ich an der Reihe." (Seite 497)

Insgesamt hat mich das Buch einfach umgehauen und gefesselt. Es ist definitiv ein Anwärter auf mein Jahreshighlight. Deshalb von mir verdientermaßen:
5 von 5 Sternen


Damit verabschiede ich mich für heute. Schreibt mir gerne in die Kommentare, ob ihr das Buch bereits kennt und wie euch die Rezension gefallen hat. Bis zum nächsten Mal und vergesst nicht: Lest schön!
Eure Shannon

Kommentare:

  1. Guten Abend Shannon,

    wie versprochen, hier bin ich. Der Zwerg liegt im Bett und ich konnte mir deine Rezension zu Gemüte führen.
    Ich habe Anfang dieses Jahres den Film (auf Englisch) zum Buch gesehen und war von diesem schon so fasziniert, dass ich mir das Buch, ebenfalls im englischen Original zugelegt hatte.
    Dass sich dann Ende Mai diese Tragödie in den USA ereignete, war wohl für viele der Auslöser sich dieses Buch zu kaufen. Ich hab es bisher leider noch nicht geschafft es zu lesen, aber es liegt recht weit oben auf meinem SuB.

    Liebe Grüße,
    RoXXie

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo RoXXie,

      Vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.
      Ja, schon allein der Film war echt gut. (Und ich hab ihn, nebenbei bemerkt, immer noch nicht zu Ende geschaut.) Aber das Buch ist nochmal um einiges beeindruckender.
      Die ganze Situation um George Floyd hat der ganzen Thematik noch einmal richtig Aufschwung gegeben, da gebe ich dir vollkommen recht. Auch wenn ich immer noch nicht verstehe, warum der Aufschrei erst jetzt kommt und nicht schon viel früher. Aber das ist ein anderes Thema.
      Ich habe mir das Buch auch erst diesen Monat geholt, auch wenn ich es schon eine Weile im Auge hatte. Aber die Leserunde, die es dazu diesen Monat in meiner Gemeinsam Lesen Facebookgruppe gab, hat den Ausschlag gegeben.

      LG Shannon

      Löschen
  2. Hi Shannon!

    Von dem Buch hab ich ja schon viel gehört, aber ich habs mir nicht näher angeschaut, weil es einfach nicht so in mein Beuteschema passt ...
    Aber deine Begeisterung springt einem förmlich entgegen, es freut mich, dass es dich so mitreißen konnte!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Aleshanee,

      Ich dachte ursprünglich eigentlich auch, es wäre nicht so sehr was für mich, aber naja, du siehst ja, was letzten Endes dabei herausgekommen ist. Danke für das Kompliment!

      LG Shannon

      Löschen